Das 22. Interdisziplinäre
Kolloquium des Heidelberger
Arbeitskreises Wissenschaftlichkeit in der Medizin trägt den Titel
„Alles gesagt – alles gehört – alles verstanden?
Informationstransfer in der klinischen Medizin“.
Dem Grundprinzip einer
stets vollständigen Aufklärung hat der Philosoph Alan Watts (1915-1973) die
„Weisheit des ungesicherten Lebens“ entgegen gesetzt. Dieses
Paradigma scheint der auf Kontrolle und Machbarkeit ausgerichteten
Hochleistungsmedizin unseres Kulturkreises fundamental zu widersprechen. In
vielen Kulturen werden bei Krebserkrankungen eher die Angehörigen als die
Patienten informiert. Der Anspruch, einem kranken Menschen „die
Wahrheit“ sagen zu wollen, verweist auf die Tatsache, dass Begriffe wie
Wahrheit oder Lüge in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich
verstanden werden. Auf diese Problematik wird der Heidelberger
Medizinpsychologe Professor Rolf Verres in seinem Vortrag „Aufklärung von
Krebspatienten im interkulturellen Vergleich“ am 17. April eingehen.
Wer an Krebs erkrankt,
muss bei uns heute kaum noch mit einer „schonenden Lüge“ seiner
Ärzte rechnen. Als Folge einer radikal veränderten Aufklärungspraxis finden
sich Patienten mit Krebs mit einer undurchschaubaren Fülle von Informationen
überhäuft. Manche Betroffenen begrüßen die neue Wissensteilhabe und bezeichnen
sich stolz als „Diplompatienten“. Dennoch sehen sich nicht wenige
Menschen ratlos mit der Aufgabe allein gelassen, abstraktes Expertenwissen und
die persönliche Annäherung an die durch eine Krebserkrankung radikal veränderte
Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Ausgehend von der provozierenden Frage
„Now we tell – but how well?“ wird sich der Vortrag der
Heidelberger Psychosomatikerin und Privatdozentin Monika Keller am 19. Juni mit
Möglichkeiten und Chancen beschäftigen, wie der Prozess der Aufklärung im
Verlauf einer Krebserkrankung durch eine patientenzentrierte Perspektive
wirksam unterstützt werden kann.
In unserem Kulturkreis und
nach unserem Rechtsverständnis steht vor jedem ärztlichen Eingriff die
Aufklärung des Patienten. Wann genau sie durch wen, wie umfassend und wie
verständlich zu erfolgen hat, ist auch Thema von Normen und juristischen
Handreichungen. Darüber wird am 26. Juni der Vortrag des Heidelberger Juristen
Professor Michael Anderheiden
„Patientenaufklärung: notwendig, hinreichend, parteiisch?“
informieren, der sich auch dem vielleicht unerreichbaren Ideal objektiver oder
neutraler Aufklärung widmen wird.
Sowohl im
wissenschaftlichen Kontext als auch im Alltag stellt sich die Frage, welche
Aufgabe der klinischen Ethikberatung bei der Lösung moralischer Probleme
zukommt. Einer weit verbreiteten Position zufolge hat der Berater oder die
Beraterin vor allem die Aufgabe, die Kommunikation zwischen den Beteiligten
(Behandlungsteam, Patienten, Angehörige) zu moderieren, um so eine
einvernehmliche Lösung herbei zu führen. Andere meinen, dass es nicht
ausreicht, einen Konsens zu erzielen. Wie der Begriff Ethikberatung nahe legt,
solle es vielmehr darum gehen, zu einer ethisch begründeten Entscheidung zu
kommen. Der Vortrag „Vom Rat zur Tat: Ethikberatung zwischen Pragmatismus und
ethischem Begründungsanspruch“, den Dr. Beate Herrmann, Klinische
Ethikberaterin an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, am 3. Juli
halten wird, setzt sich mit beiden Positionen kritisch
auseinander und präsentiert ein eigenes Konzept klinischer Ethikberatung. Sie
wird verschiedene Beratungsmodelle vorstellen und anhand von Fallbeispielen
veranschaulichen.
Der Umgang mit Fehlern in
der Chirurgie ist ein sehr ernstes Thema, das die Chirurgie seit ihrem Bestehen
beschäftigt. Die Bandbreite von Fehlern in der Chirurgie reicht von einfachen,
leicht korrigierbaren Handlungen (der falsche Schnitt oder die falsche Naht)
bis hin zu fatalen Folgen für den Patienten. In der Öffentlichkeit stark
diskutiert werden Organisationsfehler wie Verwechslungen der Körperseite, von
Organen oder gar von Patienten. Ein sachlicher und transparenter Umgang mit
Fehlern ist zentraler Bestandteil der chirurgischen Weiterbildung. Die Chirurgische
Universitätsklinik Heidelberg beschäftigt sich besonders mit Techniken der
Fehlervermeidung, aber auch mit einer Kultur der Fehleranalyse und des Umgangs
mit chirurgischem Fehlverhalten. Dies soll der Vortrag über
„Fehlermanagement in der Chirurgie“ von Professor Markus Büchler am
17. Juli illustrieren.
Die fünf Vorträge mit
anschließender Diskussion finden jeweils donnerstags von 18.00 bis 19.30 Uhr im
Hörsaal der Medizinischen Klinik (Im Neuenheimer Feld 410) statt. Das Programm
kann im Internet unter http://www.wissmed.uni-hd.de/
abgerufen werden.
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