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Ein Team aus deutschen Urologen und Physikern war
es, das die Behandlung von Nierensteinen revolutionierte und 1980 die
erste Nierensteinzertrümmerung mit Stoßwellen durchführte. Jahrelange
Forschung, aufreibende Experimente, Geldsorgen und Kollegenhäme aus der
ganzen Welt begleitete die Pionierarbeit.
Heute zeugen mehr als eine
Million Behandlungen weltweit von der Leistungsfähigkeit der
Extrakorporalen Stoßwellenlithotripsie. Es war ein Meilenstein für die Medizin, eine Revolution in der
Urologie: die Zertrümmerung von Nierensteinen durch Stoßwellen. "Die
ganze Fachwelt ist damals nach Deutschland gepilgert, um die neue
Behandlungsmethode zu studieren", erinnert sich Prof. Dr. Dr. h.c.
Ferdinand Eisenberger. Er gehört zu den Vätern der Extrakorporalen
Stoßwellenlithotripsie, im Volksmund auch als berührungsfreie
Nierensteinzertrümmerung bekannt. Einer Therapie, die Millionen
Nierensteinpatienten heute einen aufwändigen operativen Eingriff
erspart. Vier Spezialisten gehörten seinerzeit zum Forschungsteam: die
beiden Urologen Prof. Dr. Christian Chaussy, Prof. Dr. Dr. h.c.
Ferdinand Eisenberger sowie der Physiker Dr. Bernd Forssmann und der
Ingenieur Dr. Wolfgang Hepp, der 2004 verstarb.
Düsenjäger im Regenschauer
"Dass man so eine Methode bis zum klinischen Einsatz entwickeln konnte,
ist schon toll", sagt Prof. Chaussy heute. Vergessen sind all die
Wochenenden, die beschwerlichen Versuche, die Misserfolge und auch die
Skepsis der Kollegen, die das Projekt misstrauisch verfolgten. "Wenn
das Team damals nicht so vertrauensvoll zusammengearbeitet und an die
mögliche Umsetzung geglaubt hätte, wäre diese Therapieform nicht
entstanden", so Prof. Chaussy weiter. Prof. Eisenberger ergänzt: "Für
mich war erstaunlich, wie fruchtbar sich unsere Zusammenarbeit
gestaltete. Die Kooperation zwischen Physikern und Ärzten war damals
völlig neu, ein bio-medizinisches Novum.": Nachdem Physiker der Firma Dornier mit der Urologischen Klinik und dem
Institut für Chirurgische Forschung, beide
Ludwig-Maximilians-Universität München, Kontakt aufgenommen hatten,
wurde 1974 mit den ersten Experimenten zur Wirkung der Stoßwellen auf
Gewebe begonnen. Stoßwellen sind kurzzeitige akustische Impulse von wenigen Millionstel
Sekunden Dauer und mit Druckamplituden bis zu 100 MPa. Die Wellen für
medizinische Zwecke einzusetzen, war bis zu diesem Zeitpunkt nicht
bekannt, wurde sogar für unmöglich gehalten", sagt Dr. Bernd Forssmann. Die Erfahrungen bei tief durch Regenschauer fliegenden Düsenjets im
Überschallbereich zeigten, dass es durch die Einwirkung von Stosswellen
zu massiven Materialschäden kommt, und zwar nicht nur an der
Aufschlagstelle der Regentropfen, sondern auch innerhalb der
Flugzeugstrukturen. Was dies möglicherweise für medizinische Zwecke
bedeuten würde, sollte die neue interdisziplinäre Arbeitsgruppe
herausfinden.
Steinige Wege
Gefördert wurde dieses damals als äußerst risikoreich eingestufte
Projekt aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung und
Technologie. In den ersten Versuchen ging es um die Erzeugung von
Stoßwellen durch Unterwasserfunkentladungen und die Bündelung der
Stoßwellen auf den Stein. In dieser Phase sollte geklärt werden,
inwieweit sich Steine unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung
zerkleinern lassen. Während der zweiten Phase prüften die Forscher die Wirkung der
Stoßwellen auf biologisches Gewebe und zwar erst mit roten und weißen
Blutkörperchen, später in Tierversuchen. Die Ergebnisse ließen hoffen,
bewiesen sie doch die grundlegende Machbarkeit des Verfahrens. "Wir
wussten, dass sich Nierensteine auf diese Weise zertrümmern ließen und
das dies biologisch unbedenklich war", berichtet Prof. Eisenberger. Nun ging es darum, ein Gerät für die Anwendung am Patienten zu
entwickeln. Bei dem Prototyp für die klinische Anwendung, dem
Humanmodell HM1, erfolgt das Orten des Steins über ein
dreidimensionales Röntgensystem, bei dem sich die Achsen zweier
Röntgengeräte im Fokuspunkt schneiden. Der Patient befindet sich in
einem Wasserbad, um die Stoßwelle möglichst verlustfrei in den
Patienten einzukoppeln.
Der Siegeszug der Stoßwelle
Mit diesem Prototyp wurde am 7. Februar 1980 die erste erfolgreiche
extrakorporale Stoßwellenlithotripsie bei einem Patienten mit
Nierenstein durch Prof. Chaussy, Prof. Dieter Jocham und Dr. Forssmann
im Institut für Chirurgische Forschung durchgeführt. Der Grundstein für den Siegeszug war gelegt. Nach dreijährigen
Erfahrungen mit dem Prototyp HM1 wurde das erste Seriengerät für die
extrakorporale Stoßwellenlithotripsie, das HM3 an der Urologischen
Klinik in Stuttgart in Betrieb genommen. Mit einem Kaufpreis um die 4,5
Millionen Mark ging es als die teuerste Badewanne der Welt in die
Analen der Medizin-Geschichte ein. Der Erfolg der neuen Behandlungsmethode war Bahn brechend. In den
folgenden Jahren kamen unzählige Kollegen aus aller Welt nach
Deutschland, um sich von der zuvor belächelten und bezweifelten
Therapieform zu überzeugen. "Viele wollten es einfach nicht glauben",
erinnert sich Prof. Chaussy. Nach ihrem Besuch wollten sie möglichst
schnell eine Nierensteinzertrümmerungsmaschine.
Die Vorteile der Zertrümmerung
Drei Prozent der Bevölkerung leiden unter Nierensteinen. Bis zur
Einführung der Stoßwellentherapie wurden die Steine operativ entfernt.
"Die neue Therapie war gleichzeitig das Ende der offenen Chirurgie in
diesem Bereich", sagt Prof. Eisenberger. "Sie hat die
Schnitt-Operationen weltweit nahezu ersetzt und ist heute der goldene
Standard." Denn der lange stationäre Aufenthalt nach der OP und die
langwierige Rehabilitation sind nicht mehr nötig. Der Eingriff selbst
ist kurz, komplikationsfrei und wird zum Teil ambulant und ohne Narkose
durchgeführt.
Eine Million Behandlungen pro Jahr
Ende der achtziger Jahre kamen bereits die Geräte der zweiten
Generation auf den Markt. Neben der elektrohydraulischen
Stoßwellenerzeugung durch Unterwasserfunken wurden in diesen Geräten
Stoßwellensysteme nach dem elektromagnetischen und piezoelektrischen
Prinzip eingesetzt und das offene Wasserbad durch ein Wasserkissen
ersetzt. Als alternatives Ortungsverfahren kam der Ultraschall ins
Spiel.
Heute sind weltweit mehr als 5000 der so genannten Lithotriptoren im
Einsatz. Die Zahl der Behandlungen beläuft sich auf mehr als eine
Million pro Jahr.
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