Montag, 06. Oktober 2008
 Home arrow Interview mit Prof. Dr. med. Peter Schönhöfer

Trends in der Gesundheitswirtschaft - Experteninterview

07.10.2005 Quelle: Dr. Wolfgang George   

George: Nun haben sich in den zurückliegenden 25 Jahren nicht alle Dinge zu einem Besseren entwickelt. In welchen Bereichen haben sich problematische Entwicklungen ergeben?

Schönhöfer: Inkompetenz und mangelhafte Sicherheitsuntersuchungen der Pharmaindustrie haben seit 1960 tausenden Menschen Gesundheit oder Leben gekostet, und Deutschland dokumentiert dabei weltweit wegen industriefreundlicher Gesetzgebung und mangelhafter Qualität der behördlichen Aufsicht eine traurige Führerschaft:

  • die Contergan-Katastrophe,
  • die AIDS-verseuchten Blutprodukte, die in Deutschland – im Gegensatz zu Nachbarländern wie Belgien, Norwegen oder England – einer ganzen Generation von Blutern das Leben kosteten,
  • die Lipobay-Affäre, bei der die Firma Bayer zwar unter politischem Druck in den USA, nicht aber in Deutschland, die Opfer seiner skrupellosen Vermarktungspolitik adäquat entschädigt,
  • die Hormonersatztherapie, durch die in Deutschland wegen der besonders erfolgreichen Vermarktung etwa 4.000 bis 8.000 der jährlich 46.000 Neuerkrankungen an Brustkrebs verursacht wurden. An Entschädigung denkt der größte deutsche Warenanbieter Schering nicht, im Gegenteil, er führte ein weiteres der bedenklichen Hormonprodukte auch dann noch in den Markt ein, als deren Brustkrebs erzeugenden Wirkungen bereits bekannt waren.

In keinem der großen Schadensfälle hat die Pharmaindustrie zu ihrer Verantwortung für die verursachten Gesundheitsschäden gestanden und Folgeschäden oder gar eine Wiedergutmachung übernommen.

Diese Aspekte hat der Vorsitzende des Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages über AIDS-verseuchte Blutprodukte, der CSU-Abgeordnete Dr. Gerhard Scheu, in seinem Buch „IN DUBIO PRO SECURITATE: Contergan, Hepatitis-/Aids-Blutprodukte, Spongioformer Humaner Wahn und kein Ende?“ Dieses Buch ist im Nomos-Verlag erschienen, ohne dass die Politik reagierte. Für die Schäden müssen nach wie vor überwiegend die Steuerzahler bzw. die Contergan-Stiftung oder die Beitragszahler der Krankenkassen eintreten.

Die Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten haben seit den 80er Jahren durch profitorientierte Fehlentscheidungen des Managements ihre eigene Innovationskraft und Kompetenz strukturell geschwächt oder weitgehend zerstört.

Nun produzieren sie überwiegend Scheininnovationen und setzen als potenteste Player auf dem Gesundheitsmarkt ihre finanziellen Mittel vornehmlich ein, um den Wissenschaftsprozess in der Medizin zu korrumpieren und so die Produktauswahl nicht durch Qualitätswettbewerb, sondern durch Bestechung zu beeinflussen.

Die Folgen sind:

  • Verlust eigener Kompetenz in Forschung und Entwicklung mit der Folge leerer „Pipelines“ wegen Abschaffung eigener Grundlagenforschung.
  • Entwicklung von Wirkstoff- und Molekülvarianten bekannter Wirkprinzipien, um Konkurrenten Umsatz abzujagen, Verzicht auf langfristige innovative F&E-Projekte für neue Behandlungsstrategien.
  • Kürzung der Mittel für F&E und Umschichtung in das Marketing, so dass heute die Marketing-Budgets die von F&E um das Vierfache übertreffen.
  • Zunehmende Fälschungen und Manipulationen klinischer Studien, um nutzlose Scheininnovationen durch wissenschaftlichen Betrug attraktiver erscheinen zu lassen.
  • Korrumpierung von medizinischen Experten und Meinungsbildnern, aber auch von Vertretern von Selbsthilfeorganisationen, um sie als "Mietmäuler" für Vorträge auf Marketingveranstaltungen oder als Autoren von Artikeln zu benutzen, die vom Marketing als Produktwerbung verfasst sind.
  • Umfunktionierung von wissenschaftlichen Kongressen und Fortbildung zu Marketing-Shows durch Sponsoring (Bestechung) von Vertretern der ärztlichen Selbstverwaltung, medizinischer Berufsverbände, medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften und von Selbsthilfegruppen.
  • Bestechung von Leitlinienautoren durch Vorteilsgewährung bis zur Finanzierung persönlichen Lebensstils.
  • „Harmonisierung“ und Entschärfung behördlicher Zulassungskontrollen durch Etablierung finanzieller Abhängigkeit von Antragsstellern.
  • Ausschaltung unabhängiger Sicherheitsaufsicht durch Umstrukturierung der Behörden in finanziell abhängige Arzneimittelagenturen.

George: Mit welchen Auswirkungen geht dies für die Patienten einher?

Schönhöfer: Neben den beschriebenen Verschlechterungen der Qualität und Sicherheit von Gesundheitsleistungen kommen für die Patienten aus dem politischen Raum zusätzliche Risiken durch die modischen neoliberalen und sozialdarwinistischen Privatisierungstendenzen hinzu:

  • Zunehmende Ausbeutung von Patienten im niedergelassenen Bereich durch Leistungen, die privat zu zahlen sind, da sie in der Regel weder medizinisch erforderlich noch effektiv oder zweckmässig sind. Z.B. die IgeL-Leistungen. Sie führen lediglich zur Verteuerung der Versorgung ohne Zugewinn an therapeutischer Qualität.
  • Privatisierung von Krankenhäusern durch private Träger, die nicht der Verbesserung der Leistungen, sondern nur zur Zwischenschaltung eines weiteren Profiteurs und somit der Erhöhung der Kosten des Gesundheitswesens dienen.
  • Abschaffung des Solidarprinzips durch Privatisierung des Gesundheitswesens, Finanzierung über Kopfpauschalen und Ausschluss leistungsschwacher Bevölkerungsanteil aus der Gesundheitsversorgung mit der Folge der Verteuerung des Gesundheitssystems ohne Leistungszugewinn.
  • Abschaffung staatlicher Aufsichtspflichten und Verantwortlichkeiten gemäß neoliberaler Ideologien, Einstellung der staatlichen Sicherheitsüberwachung bei Produkten und Privatisierung der Patientensicherheit durch Verkauf der Aufsicht an die Warenanbieter.

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