| Samstag, 11. Oktober 2008 |
Interview mit Prof. Dr. med. Peter Schönhöfer George: Sie sind nicht nur durch ihre Arbeit für das arznei-telegramm bekannt geworden, sondern auch durch Ihr Engagement für Transparency Deutschland. Welche Auswirkungen der Korruption auf die Patientenversorgung und den einzelnen Bürger im Gesundheitssystem halten Sie für die problematischsten?
Schönhöfer: Die Korruption der Leistungsanbieter -- Ärzte und Apotheker sowie deren Berufsverbände und Selbstverwaltungen -- durch die Warenanbieter, so dass keine optimale Auswahl von Produkten und Strategien nach Qualitäts- und Kostengesichtspunkten mehr gelingt.
George: Wenn Sie die von Ihnen benannten Trends der gesundheitlichen Versorgung fortschreiben, wie erwarten Sie, wird sich dies in den nächsten 10 bis 15 Jahren auswirken?
Schönhöfer: Diese Frage ist derzeit nicht zu beantworten, denn die Trends bei den notwendigen Grundsatzentscheidungen zur Struktur und Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens und zur Zukunft der Selbstverwaltung sind nicht erkennbar. Prinzipiell geht es um die Frage der privaten oder solidaren Finanzierung der Gesundheitsversorgung und um die Frage des Fortbestehens eines unentwirrbaren Geflechts intransparenter und unkontrollierter Selbstverwaltungen als typische Form des deutschen Klüngels und somit oft der Korruption. Von diesen Grundsatzentscheidungen hängt ab, ob die Finanzierbarkeit des Systems über den Preis geregelt wird – etwa wie in den USA mittels Ausschluss wirtschaftlich Schwacher aus der Gesundheitsversorgung – oder ob ein solidare Finanzierung im Sinne einer Bürgerversicherung etabliert werden kann, die die gesamte Bevölkerung einbezieht.
George: Kennen Sie ein staatliches Gesundheitssystem von dem Sie glauben, dass es als Modell für uns in Deutschland dienen könnte?
Schönhöfer: Die staatlichen Gesundheitssysteme -- etwa BEVERIDGE -- überwiegen in Europa und zeichnen sich durch höhere gesundheitliche Leistungsfähigkeit und Kosteneffizienz aus im Vergleich zum teueren, aber nur mittelmäßig leistungsfähigen deutschen Gesundheitswesen. Dieses ist leistungsschwach und unwirtschaftlich nicht nur durch seine föderale und standespolitische Zersplitterung, sondern vor allem durch die unsinnige und teuere Trennung in ambulanten und klinischen Bereich mit Doppelinvestitionen und doppelten Vorhaltkosten.
Die BEVERIDGE-Systeme sind haben auch ihre Struktur- und Allokationsprobleme. Aber wir zahlen in Deutschland etwa 10.3% unseres Bruttosozialproduktes für die Gesundheit, in England sind es nur etwa 7.5%. Dafür leben in England Patientinnen mit Brustkrebs oder Patienten mit Herzinfarkt länger als bei uns, dank besserer durchschnittlicher Leistungsqualität der dortigen medizinischen Versorgung.
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