Sonntag, 20. Juli 2008
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Psychische Gesundheit von MigrantInnen

06.02.2006 Quelle: Universität Leipzig   

Foto: aboutpixel.deWie fühlen sich Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um in Deutschland zu leben? Wie verkraftet die Seele das andere Land? Wann reagiert sie mit Krankheit? Eine Studie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gibt Auskunft.

In Leipzig 2004 vorwiegend polnische und vietnamesiche MigrantInnen

Die Thematik beschäftigen Soziologen und Mediziner schon lange. Doch Studienergebnisse aus den alten Bundesländern sind auf die neuen Bundesländer wegen der unterschiedlichen ethnischen Zusammensetzung der MigrantInnen nicht problemlos übertragbar.

Die größten ausländischen MigrantInnengruppen in Leipzig waren im Jahre 2004, also zum Zeitpunkt der Studie, im Gegensatz zu Gesamtdeutschland die polnischen (dort die fünftgrößte ausländische MigrantInnengruppe) und die vietnamesischen Zuwanderer (in Gesamtdeutschland auf Platz 10). Also konzentrierten sich die Wissenschaftler der Universität Leipzig auf diese beiden Nationalitäten. Auf die zugesandten Fragebögen antworteten 140 polnische und 82 vietnamesische MigrantInnen.

Die Fragen, die sie zu beantworten hatten, widmeten sich unter anderem Sprachkenntnissen, ihrem sozialen Netz, wirtschaftlichen Verhältnissen und Rückkehrabsichten. Gleichzeitig wurden psychische Befindlichkeiten erfasst und so ermittelt, inwieweit die Befragten mit Depressivität und Angstzuständen zu kämpfen hatten.

MigrantInnen haben größere Angstneigung und Depressivität als Deutsche

"Festzusellen war", so Merbach, "dass die befragten MigrantInnen eine größere Angstneigung und eine höhere Depressivität als die deutsche Vergleichsgruppe aufwiesen. Daraus lässt sich jedoch nicht eindeutig schlussfolgern, ob migrationsspezifische Aspekte den schlechteren Gesundheitszustand verursachen oder es sich um kulturspezifische Beschwerdeäußerungen handelt. Die später diskutierten Einflüsse von Assimilation und wahrgenommener Diskriminierung sprechen für den Zusammenhang von Migration und psychischer Gesundheit.

Um den Einfluss der Kultur auf die Beschwerdeäußerungen jedoch zu kontrollieren, hätte eine Vergleichsstichprobe in den jeweiligen Herkunftsländern erhoben werden müssen, was allerdings aufgrund finanzieller Beschränkungen in dem Projekt nicht passierte. Es ist zu vermuten, dass die untersuchten MigrantInnen ihren schlechteren psychischen Gesundheitszustand sowohl aufgrund ihrer Herkunftskultur als auch aufgrund des Migrationsstresses beschreiben."

Beim Vergleichen beider MigrantInnengruppen und beim Blick auf die Details zeigt sich jedoch ein sehr filigranes Bild. "Im groben Überblick lässt sich zwar sagen, dass die Polen in Leipzig ihren psychischen Gesundheitszustand etwas schlechter als die Vietnamesen beschreiben. Aber auch die Gruppen sind nicht homogen. Unter den polnischen MigrantInnen geben Menschen mit mehr deutschen Freunden, jene die in Deutschland bleiben wollen sowie sich weniger diskriminiert fühlen, eine besseren psychischen Gesundheitszustand an als Menschen, die diese Faktoren nicht aufweisen.

In der vietnamesischen Gruppe sind Zusammenhänge zwischen sozialer Eingliederung und Depressivität sowie wahrgenommer Diskriminierung und Angstneigung nur selten nachzuweisen", erläutert Wittig. "Während also beispielsweise in der polnischen Gruppe mit zunehmender Aufenthaltsdauer und genereller Assimilation die Angstneigung sinkt, gibt es bei den vietnamesischen MigrantInnen keine nachweisbare Verbindung."

Kein allgemeingültiges Rezept für die psychische Gesundheit der Zuwanderer

Andererseits konnte bezogen auf alle befragten MigrantInnen nicht festgestellt werden, dass die Aufenthaltsdauer und die persönlich Identifikation mit Deutschland Einfluss auf das seelische Befinden haben. Ebenso hat es wenig Einfluss auf seine psychische Gesundheit, ob und wie gut der Mensch die deutsche Sprache beherrscht. Das widerspricht übrigens den Ergebnissen ähnlicher internationaler Studien.

Dass einige angenommene Faktoren keine signifikanten Einflüsse zeigten, könnte an der unterschiedlichen Migrations- und Eingliederungsgeschichte liegen. Das bedeutet, dass wenn in einer MigrantInnengruppe eine Eingliederungsstrategie mit positivem psychischem Gesundheitszustand einhergeht, muss dieser Zusammenhang nicht automatisch auch für eine andere MigrantInnengruppe gelten.

Das bedeutet, dass es kein allgemeingültiges Rezept für die psychische Gesundheit von Zuwanderern geben kann. Die durchgeführte Studie konnte zwar zeigen, dass bestimmte Faktoren wie wahrgenommene Diskriminierung und soziale Assimilation, in allen MigrantInnengruppen zur Erklärung des psychischen Gesundheitszustands beitragen. Der Einfluss anderer Faktoren, wie beispielsweise der Berufstätigkeit, war hingegen instabil.

Ländervergleich zur psychischen Gesundheit der Zuwanderer

Die Studie zur psychischen Gesundheit von MigrantInnen ordnet sich ein in eine Reihe von Forschungsthemen zum Themenkreis Zuwanderer. Vorangegangen waren ihr Untersuchungen zur gesundheitlichen Identität, also zu Körpererleben, Gesundheitswissen und -verhalten russischer Spätaussiedler und türkischer MigrantInnen. Aktuell sind die Leipziger Psychologen und Soziologen in eine von acht Studiengruppen eingebunden, die im Auftrag der Volkswagenstiftung zu Migration und Integration forschen. Schwerpunkt dieser von 2005 bis 2008 laufenden Untersuchung ist ein Ländervergleich Deutschland, Italien und Kanada über die kulturelle Vielfalt im Gesundheitswesen.

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