Sonntag, 07. September 2008
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Die Welt ins Heim holen

14.03.2006 Quelle: Bärbel Döhring   

"Unser Hausfernsehprogramm kommt bei unseren Bewohnern sehr gut an, besonders bei den bettlägerigen Pflegebedürftigen." Heimleiter Mi­chael Graber-Dünow vom Hufelandhaus in Frankfurt überträgt in seinem Alten- und Pflegeheim seit 1995 regelmäßig Andachten und Veranstal­tungen. Beim Sommerfest und Krippenspiel an Weihnachten ist die Vi­deokamera immer dabei. Er liegt damit voll im Trend: Immer mehr Ein­richtungen wie Alten- und Pflegeheime gehen dazu über, selbst Fern­sehprogramm zu machen. Auch Radio machen ist nicht schwierig. Bett­lägerige schätzen die so ganz andere Kurzweil. Heimleitungen erken­nen, dass dieses moderne Kommunikationsmittel ein „kundenfreundlicher“ Service ist. Und darüber hinaus macht es häufig Mitarbeitern Spaß, selbst Fernseh- oder Radiomacher zu sein. Dank der neuen Mediengesetzgebung stehen dem auch keinerlei rechtli­chen Hindernisse im Weg.

Als beim 30jährigen Jubiläum im Hufelandhaus nicht alle Bewohner und Ehrengäste in den Speisesaal passten, übertrug man kurzerhand die Feierstunde über die hauseigene Fernsehanlage. Damit war das Hausfernsehen geboren. Die Ergotherapeutin, selbst begeisterte Hobby-Filmemacherin, nahm sich der Sache an. Sie dreht seitdem kurz Filme auf Video. Die Kassette wird in einen Videorecorder gesteckt, dieser ist an die Fernsehanlage angeschlossen und schon ist das Programm fertig.

Diejenigen Bewohner, die noch geistig rege und wegen körperlicher Gebrechen im Pflegeheim sind, können jetzt die Höhepunkte im Heimleben genau mitverfolgen. "Bei unseren dementiell Erkrankten muss die Ergotherapeutin das Geschehen erläutern. Aber dann freuen die sich auch sehr, wenn sie sich im Fernsehen erkennen", meint der Frankfurter Heimleiter. "Gerne würde ich das Programm ausbauen, noch öfters und mit einem breiteren Programm."Wie das gehen kann, können Heimleitungen von Alten- und Pflegehei­men von Krankenhäusern lernen. Beim St. Marienkrankenhaus in Frankfurt präsentiert voll professionell jeden Mittwoch und Samstag zwi­schen 11 und 13 Uhr ein Mitglied des fünfzehnköpfigen Redaktions­teams ein buntes Programm aus 70 Prozent Musik und 30 Prozent Wort. „Das Neueste vom Neuesten hört man bei allen anderen Sendern. Wir leisten uns die Extravaganz, auch schon mal fast Vergessenes aus der Schublade zu ziehen, um einen Wunsch zu erfüllen und schöne Erinne­rungen aufleben zu lassen“, meint der Krankenpfleger und Hauptinitiator des Radioprojekts, Burkhard Hennigs, zur Musikauswahl.

Die Wortbeiträge haben alle einen Bezug zum Thema Gesundheit. „Bei uns kann man hinter die Kulissen dieses Großbetriebes schauen, das nimmt die Angst“, meint der Krankenpfleger. Auch bei Alten- und Pflegeheimen kann man medizinische oder therapeutische Maßnahmen erläutern und die Bewohner einen Blick in die Küche oder Wäscherei werfen lassen. Noch stärker als bei einem Krankenhaus mit Patienten, die nur vorübergehend aufgenommen werden, kann man bei einem Heim mit Bewohnern auf Dauer durch ein solches Programm bei den Bewohnern ein Gemeinschaftsgefühl schaffen und verstärken.

Das Redaktionsteam von Radio Hippokrates im Frankfurter St. Marienkrankenhaus besteht aus 15 Personen, Hausfrauen oder Studenten mit einer Leidenschaft zum Radiomachen. Getragen wird das Ganze von einem 40köpfigen gemeinnützigen Verein, darunter zahlreiche Fördermitglieder. Das Hausfernsehen im Alten- und Pflegeheim Hufelandhaus wird von drei Personen getragen: der Ergotherapeutin, dem Verwaltungsleiter und technischen Leiter. Von der Größe eines Trägervereins ist die Sendedauer abhängig. Im Saarland gibt es zwei Krankenhaussender, die Hörfunk und Fernsehen verbreiten. Einer sendet täglich ein bis zwei Stunden, der andere schafft täglich acht Stunden Hörfunk und zwei Stunden Fernsehen. Auch sie sind von Mitarbeitern und Unterstützern außerhalb der Häuser getragen.

Viele Gruppen holen sich professionelle Hilfe: In Frankfurt erteilte ein Journalist und Moderator Sprechkunde und gab Tipps zur Programmgestaltung. Andere Häuser, die erkannt haben, dass sie kunden-, das meint bewohnerfreundlicher werden und mehr Öffentlichkeitsarbeit machen müssen, schalten Agenturen ein. Sie sind zuständig für Konzeption des Programms, Recherche, die journalistische Schulung und das Einfügen des Senders in die interne Kommunikation.

Für die Zulassung eines Radios oder Fernsehsenders in einem Heim ist die Übertragung durch die hausinterne Anlage wichtig. Dieser so genannten Einrichtungsrundfunk muss sich in der Regel auf ein Gebäude oder einen zusammenhängenden Gebäudekomplex beschränken, und die Sendung muss in einem funktionellen Zusammenhang mit den dort zu erfüllenden Aufgaben stehen - das bestimmt die Themenauswahl. Es können außerdem bis zu 100 Wohneinheiten mit Rundfunk über Kabelanlage versorgt werden. Werbung ist grundsätzlich unzulässig.

Solange keine Übertragung per Hochfrequenz erfolgt, ist ausgeschlossen, dass der Rundfunk über ein geschlossenes Gebiet hinausdringt und damit zur öffentlichen Meinungsbildung entscheidend beiträgt. Ein Lizenzierungsverfahren wie bei einem kommerziellen Sender ist damit nicht notwendig, aber eine Anzeigepflicht besteht in einigen Bundesländern, in anderen ist eine so genannte kleine Lizenz erforderlich. Die zuständigen Behörden sind die Landesmedienanstalten.

Die bisherige Resonanz auf die Heimradios ist positiv. Es lässt die Sorgen vergessen und bringt den Bewohnern die Welt ins Heim.

Die Autorin berät bei Heimrundfunkprojekten und Kommunikationsfragen.
Bärbel Döhring



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