| Dienstag, 14. Oktober 2008 |
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Dem Kranken die Welt ans Bett bringen Immer mehr Krankenhäuser richten ein eigenes Radio ein
Mit Musik und Information gegen Angst vor Anonymität
Sie heißen „Radio Hippokrates“ oder „Radio Dr. Brinkmann“. Sie sind ein Privatsender und doch kein Dudelfunk: „Radio Hippokrates“ ist das erste Krankenhausradio in Frankfurt am Main und sendet seit November 1994 am St. Marien-Krankenhaus sein unterhaltsames Programm. Der Initiator von „Radio Dr. Brinkmann“ von den Städtischen Kliniken Offenbach plant sogar, den Sender auf die ganze Stadt auszuweiten. Krankenhausradios werden immer beliebter: Kranke schätzen die so ganz andere Kurzweil, Krankenhausleitungen erkennen, dass dieses moderne Kommunikationsmittel ein „kundenfreundlicher“ Service für die Patienten ist und die Mitarbeiter bei Laune hält - und die ehrenamtlichen Radiomacher sind mit Begeisterung dabei.
Jeden Mittwoch zwischen 11 und 13 Uhr ist Programmwechsel bei der krankenhausinternen Radioverteileranlage angesagt: Statt HR3 oder Radio FFH oder welchen Sender auch immer die Schwester an der Pforte eingestellt hat, nun heißt es „Neues aus der Nordendklinik - Ihr Wunsch ist uns Programm“. Voll professionell präsentiert Petra Kemmerzell oder jemand vom Pflegedienst aus dem Redaktionsteam ein buntes Programm. „Das Neueste vom Neuesten hört man bei allen anderen Sendern, wir leisten uns die Extravaganz, auch schon mal fast Vergessenes aus der Schublade zu ziehen, um bei den Patienten schöne Erinnerungen aufleben zu lassen“, meint der Krankenpfleger und Hauptinitiator des Radioprojekts Burkhard Hennigs zur Musikauswahl. Das reicht von „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ über internationale Folklore bis hin zu klassischer Musik. 6.500 CD hat der Sender inzwischen zur Auswahl, es sind Spenden von Musikverlagen und Plattenläden oder auch Privatpersonen. Alle gespeichert in einer Datenback eines Computers, was den sofortigen Zugriff auf das Archiv ermöglicht.
Schon bei der Aufnahme bekommen die Patienten ein Informationsblatt mit einem Wunschzettel für einen Musikwunsch, der per Hauspost zu den Radiomachern gelangt. Die meisten melden allerdings über die hausinterne Telefonanlage gebührenfrei ihren Musikwunsch an, entweder während der Sendung direkt oder auf Anrufbeantworter. „Leider können wir die Anrufe noch nicht live ins Programm schalten“, bedauert der engagierte Krankenpfleger und entschwindet ins Studio, um aktuell über eine Pressekonferenz der Krankenhausleitung zu berichten.
70 Prozent Musik, 30 Prozent Wortanteil, so lautet die Mischung von Unterhaltung und Information in Frankfurt. Die Beiträge haben alle einen Bezug zum Thema Gesundheit und Krankenhaus. „Bei uns schauen die Patienten hinter die Kulissen dieses Großbetriebes, das nimmt die Angst“, meint der Krankenpfleger. Da wird zum Beispiel erklärt, wie ein Ultraschallgerät funktioniert, ein anderes Mal ist wieder der Arbeitsablauf in der Küche das Thema.
„Es sind die Menschen, die ein Krankenhaus zu dem machen, was es ist, die alles dafür tun, dass Sie als Patient sich gut aufgehoben fühlen“, heißt es in einer Informationsbroschüre des Krankenhauses. Hinter all den Formalien, Apparaten, Laboren und Untersuchungstechniken gehen die Menschen, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten, oftmals unter. Dem versucht Radio Hippokrates entgegen zu wirken, indem es nicht nur Patienten vorstellt, sondern auch Ärzte und Handwerker des Krankenhauses. Aber auch die Herkunftsländer von Schwestern und Küchenhilfen und nicht zuletzt von den Putzleuten können Thema sein.
Alle Beiträge stammen von den 15 ehrenamtlichen Mitgliedern der Redaktion: Hausfrauen oder Studenten mit einer Leidenschaft zum Radiomachen. Viel Begeisterung gehörte dazu, hoch unter dem Dach leer stehende Räume in Eigenhilfe und mit Unterstützung von Handwerkern des Hauses zu einem Studio umzubauen.
Dies alles ist die Leistung des Vereins von Radio Hippokrates. Nachdem die Initiatoren die spontane Zustimmung der Pflegedienstleitung gewonnen und die anfängliche Skepsis der Ordensschwestern überwunden hatten, hatten sie den Verein gegründet, um einen rechtlichen Träger zu haben. Viele Hindernisse mussten überwunden werden, bis endlich die Gemeinnützigkeit vorlag. Rund 40 Mitglieder zählt inzwischen der Verein. Nicht alle sind aktiv, einige unterstützen als Fördermitglieder mit ihrem Beitrag das Radio.
Spenden sind stets willkommen. Zahlreiche Sponsoren halfen zu Beginn. Die gesamte technische Ausrüstung wie Bandmaschine, Sendeanlage, CD-Player kamen auf diese Weise zustande. Viele Sponsoren erwarten heute jedoch eine professionelle Ansprache und sind nicht mehr bereit, einfach mal eine Spende zu geben. Hier können spezielle Agenturen helfen. Professionelle Hilfe leistete auch ein Journalist und Moderator: Er brachte allen unter anderem bei, wie man fehlerfrei „die Geschichte des griechisch-tschechischen Schichtkäses in Schächtelchen“ fehlerfrei von sich gibt. Und ohne die Profi-Tipps für die Programmstruktur und das Radiomachen wäre „Radio Hippokrates“ längst nicht so professionell.
Viele Wünsche sind noch offen in Frankfurt: Die Studioverkleidung muss erneuert werden. Auch hätte man gerne Kissenradios auf allen Zimmern mit den rund 300 Betten. Denn bis jetzt sendet das Radio noch über die Lautsprecheranlage. Doch dies hat den Nachteil, dass alle in den Krankenzimmern das Programm mithören müssen oder es ganz ausschalten. Bei Kissenradios kann jeder Patient individuell die Lautstärke und sogar alternative Programme wählen.
Voll professionell, aber ehrenamtlich arbeitet auch Thomas Rosti in Offenbach. Der Kommunikationselektroniker initiierte als erster im Rhein-Main-Gebiet ein Krankenhausradio. Seit April 1992 senden er und weitere Mitstreiter begeistert zweimal wöchentlich abends ein 90-Minuten-Programm. Rosti ist bei den Patienten so beliebt, dass er sogar zum „Star des Alltags“ der Lokalzeitung von einer Hörerin vorgeschlagen wurde. Ihr hatte imponiert, dass der 24jährige das Studio ausschließlich mit eigenen Geräten ausgestattet hat. Das Krankenhaus stellt ihm lediglich einen kleinen Raum als Studio zur Verfügung.
Anders als die Frankfurter legt das Offenbacher Redaktionsteam den Schwerpunkt auf das Wort: 70 Prozent Wort, der Rest ist Musik. „Musikberieselung lehne ich ab“, meint der ambitionierte Rundfunkmacher und weiß sich darin mit seinen Hörern einig. Er und seine Kollegin Doris Kaiser, eine Frührentnerin, stellen deshalb Gespräche in den Mittelpunkt ihrer Sendung. Gespräche der beiden über Gott und die Welt oder mit Gästen: Sportler, Künstler, Menschen mit ausgefallenen Berufen. Sogar der Bürgermeister von Offenbach gab sich zur 100. Jubiläumssendung die Ehre. Im Sommer 1994 bewarb er sich um einen Sendeplatz in einem offenen Kanal für Offenbach, um endlich „richtigen“ Rundfunk zu machen.
Immer wieder gibt es Anrufe oder direkte Äußerungen von Patienten, die genau diese Mischung schätzen. Kein Wunder, dass jeden Dienstag und Freitag zwischen 18.30 und 20 Uhr rund 1000 Patienten ihrem Sender lauschen. Er lässt sie die Schmerzen vergessen und bringt den Bettlägerigen die Stadt in reizvollen Streifzügen durch versteckte Winkel ans Krankenlager. So können die Patienten - zwar ans Bett gefesselt, aber in der Phantasie durchaus mobil - neue Ecken und Winkel der Stadt entdecken.
Der Krankenhausaufenthalt bleibt für die Patienten so in guter Erinnerung - ein Grund, wieder zu kommen, wenn es sein muss oder es weiterzuempfehlen. Schließlich genest man besser in einem Krankenhaus, in dem man sich wohl fühlt, und ein Krankenhausradio kann ein Baustein für ein patientenorientiertes Krankenhaus sein. Einige wenige Krankenhäuser sind bereits einen Schritt weiter: Sie machen ein Patienten-Fernsehen.
Was ist wichtig zu wissen bei der Einrichtung eines Krankenhausradios?
Welchen Nutzen hat ein Krankenhaus vom Patientenradio?
Bärbel Döhring ist Inhaberin der PR-Agentur DPR mit dem Schwerpunkt auf Gesundheitskommunikation und hat als Fachjournalistin und Hörfunkautorin einen Preis gewonnen. Sie berät zu allen Fragen der Kommunikation.