| Samstag, 30. August 2008 |
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Unternehmenskonzepte für freiberufliche Medizinjournalisten Auf der Suche nach den eigenen Nischen, von Karin Hertzer.
Wer sich als Medizinjournalist selbständig macht, kann unter verschiedenen Unternehmenskonzepten wählen. Die Realität zeigt jedoch, dass sich vor dem Start nur wenige Journalisten ganz konkrete Gedanken über Jahresumsätze und Expansionsmöglichkeiten machen. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagen die meisten. Ganz von allein passiert jedoch selten etwas – da muss man schon selbst die Weichen stellen, damit der Laden brummt. Wir stellen die maßgeschneiderten Unternehmenskonzepte von vier Journalistinnen und zwei Journalisten vor.
Modell 1:
„Ich habe mir meine eigenen Nischen gesucht“, erzählt Torsten Hoffmann. Der 43-jährige Münchner hat sich auf Themen wie Neurowissenschaften, Psychiatrie, Ethik und Recht in der Medizin spezialisiert – er berichtet zum Beispiel über das Pro und Contra der Sterbehilfe und unterstützt Anti-Stigma-Aktionen in der Psychiatrie ins Leben gerufen. Sein Hintergrundwissen eignete er sich beim Jura- und Medizinstudium und während des Volontariats bei einer Fernsehproduktionsfirma an.
Mittlerweile arbeitet er seit acht Jahren als selbständiger Medizinjournalist, „nebenbei“ hat er seine ärztliche Approbation absolviert. Er macht Fernsehbeiträge (u. a. Gesundheitsmagazin Praxis), dreht Patienteninformationsfilme und entwickelt Fortbildungsmedienkonzepte für Ärzte und Kliniken. Zudem arbeite er als Dozent und moderiert Veranstaltungen. „Durch meine verschiedenen Standbeine bin ich sehr flexibel“, erklärt Torsten Hoffmann, der sich auch als stellvertretender Vorsitzender des Kollegiums der Medizinjournalisten engagiert.
Modell 2:
Dr. Dietlinde Burkhardt machte sich vor zwei Jahren als Medizinjournalistin in München selbständig, nachdem sie Medizin studiert und später noch eine Weiterbildung in Medizinischer Informatik drangehängt hatte. Erfahrungen mit dem Journalismus sammelte sie Learning-by-Doing in einer Multimedia-Firma und in einer medizinisch-wissenschaftlichen Werbe- und PR-Agentur.
Die 40-Jährige arbeitet in ihrem Homeoffice, was für sie viele Vorteile hat: „Ich kann mir den Tag flexibel einteilen. Da ich fast jeden Tag Sport mache, spare ich Wege und Zeit.“ Der Wermutstropfen: Die Münchnerin kommt nicht mehr so oft unter Leute und muss sich gezielt um Verabredungen kümmern.
Dr. Dietlinde Burkhardt arbeitet regelmäßig für mehrere Auftraggeber: Sie ist wissenschaftliche Redakteurin für die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Medizin im Dialog“ und hat dafür einen Rahmenvertrag abgeschlossen, der sie finanziell absichert. Zudem schreibt sie regelmäßig Meldungen für mehrere Online-Agenturen und übersetzt medizinische Texte aus dem Englischen ins Deutsche. Nebenbei hat sie zehn Sachbücher geschrieben: „Ich habe noch nie bewusst akquiriert. Das kam alles von selbst.“
Modell 3:
Doris Burger arbeitet in einer Bürogemeinschaft, „das habe ich von langer Hand vorbereitet.“ Nach dem Sport- und Geografiestudium hatte die Hamburgerin als Redakteurin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. 1995 machte sie sich selbständig und arbeitete zunächst von Zuhause aus. Als sie dann aber nach ein paar Jahren aufs Land zog, fehlten ihr zunehmend die Kontakte zu anderen Kollegen – da half auch das Netzwerk des Journalistinnenbundes, dem sie seit zwölf Jahren angehört, nur bedingt weiter.
„Ich habe mich immer wieder mal beim Redaktionsbüro Deichstraße in Erinnerung gerufen, vor einem Jahr wurde dann endlich ein Platz frei“, freut sich Doris Burger, die das 100-Quadratmeter-Büro mit einer Food-Journalistin, einer Lifestyle-Spezialistin und einer Illustratorin teilt. Sechs Tage im Monat beschäftigt die Bürogemeinschaft einen Praktikanten, der sich um die Organisation kümmert und Rechercheaufgaben übernimmt.
„Ich habe jetzt eine repräsentative Adresse mitten in der Stadt. Wir bieten den Redaktionen einen guten Service an, weil unser Büro immer besetzt ist und weil wir uns gemeinsam die neueste Technik leisten können“, erklärt die 44-Jährige, die sich auf die Themen Gesundheit, Fitness, Wellness, Psychologie und Partnerschaft spezialisiert und mittlerweile zehn Sachbücher geschrieben hat. Die Journalistin bearbeitet aber nicht nur eigene Projekte, sondern kann im Zusammenschluss mit den anderen Expertinnen auch komplexere Jobs annehmen. Die Hamburgerin kommt monatlich auf 400 Euro zusätzliche Fixkosten, „doch die hole ich durch zusätzliche Aufträge wieder rein.“
Modell 4:
„Meine klinische Tätigkeit gleicht dem Status einer Ehefrau, der Journalismus dem einer Geliebten“ – diesen Vergleich zieht Dr. Peter Stiefelhagen. Der 51-Jährige ist Chefarzt der Inneren Abteilung des DRK-Krankenhauses in Hachenburg und schreibt seit 1983 regelmäßig für die Fachpresse aber mitunter auch für „Die Welt“ und „Stiftung Warentest“. Der Internist hat keinerlei journalistische Ausbildung, er arbeitet auf Zuruf und kommt auf etwa zwei Stunden journalistische Tätigkeit pro Tag.
„Für den Journalismus ist meine praktische Erfahrung sehr wertvoll, denn ich kann beurteilen, ob das, was signifikant ist, auch relevant ist. Gut für den Journalismus ist auch, dass ich finanziell unabhängig davon bin“, erklärt Dr. Peter Stiefelhagen, der Mitglied der Medizinischen Fach- und Standespresse ist. „Und die Klinik zehrt davon, dass ich immer bestens über die neuesten Studien informiert bin.“
Modell 5:
Gaby Miketta wohnt in Augsburg und arbeitet seit elf Jahren als Pauschalistin für das Münchner Nachrichtenmagazin Focus. Sie ist für das Ressort „Forschung und Technik" zuständig, bei etwa der Hälfte der Themen geht es um die Themen Medizin und medizinische Forschung. „Ich kann große Geschichten und Titelstorys schreiben und übernehme auch mal die Redaktion von Texten freier Mitarbeiter", erklärt die 46-Jährige, die sich gleich nach dem Studium (Kommunikationswissenschaft, Biologie) selbständig machte. Sechs Jahre lang arbeitete sie für verschiedene Zeitschriften und Fernseh- und Hörfunksender und vermarktete ihre Themen mehrfach: „Ich fände es eine Verschwendung, gute und bis ins Detail recherchierte Themen nicht auch für andere Medien aufzubereiten. Der Rechercheaufwand ist doch derselbe, und jeder Beitrag sieht am Ende anders aus."
Als Focus-Pauschalistin ist Gaby Miketta nicht so eng in den Redaktionsalltag eingebunden wie die fest angestellten Redakteure, „das verhindert aber auch weitere Karrieremöglichkeiten". Ihr Exklusivvertrag legt fest, dass sie keine weiteren Printmedien bedienen darf – sie kann jedoch andere journalistische Jobs annehmen. „Diese Freiheit nutze ich auch“, freut sich Gaby Miketta, die mittlerweile fünf Sachbücher geschrieben und zwei Bücher herausgegeben hat. „Nebenbei" moderiert sie für verschiedene Veranstalter Podiumsdiskussionen: „Ich informiere meinen Chef über meine Nebenjobs und kann mir auch mal ein Sabbatical nehmen.“
Für Gaby Miketta ist es wichtig, dass sie ihre journalistische Unabhängigkeit behält: „Wenn ich für eine Moderation engagiert werde, weise ich immer sehr genau darauf hin, dass ich diesen Auftrag ganz deutlich von meinem Focus-Job trenne. So zerstreue ich gleich von Anfang an jegliche Spekulation, dass ich später zwangsläufig über das Thema berichten werde."
Modell 6:
Die Frankfurter Medizinjournalistin Ulrike Schwemmer gründete vor einem Jahr eine GmbH – die anderen fünf Gesellschafter kommen aus der IT- und Werbebranche, auch eine Fernsehproduktion ist vertreten. Nach ihrem Studium (Philosophie, Germanistik, Theaterwissenschaft) hatte sie ein Volontariat bei der ARD gemacht, später arbeitete sie bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei SAT.1 und bei mehreren Agenturen – immer im Bereich Medizin.
„Als Geschäftsführerin unserer GmbH arbeite ich nur mit Medizinjournalisten zusammen. Die Konzepte und Texte für Patienten- und Ärztebroschüren und Schulungsfilme schreibe ich selbst“, erklärt die 45-Jährige, die mittlerweile auch vier Bücher verfasst hat. Einige ihrer Kunden kommen auch aus der Pharmaindustrie, Produkt-PR lehnt die gelernte Journalistin jedoch ab. Ihr Fazit: „Vom reinen Medizinjournalismus kann man nicht leben, vor allem nicht im Printbereich.“
(Medizinjournalist 10/2003)
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Karin Hertzer arbeitet als selbständige Journalistin in München. Ihre Schwerpunkte sind Medizin, Gesundheit und Psychologie. Sie schreibt für Publikumsmedien, hat neun Sachbücher veröffentlicht und engagiert sich für die PR. Unter anderem moderiert sie Workshops für Medizinjournalisten.
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