|
Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) in Köln hat in seiner aktuellen Studie den Strukturwandel im deutschen Krankenhauswesen untersucht. Ausgewertet wurden Angaben von mehr als 250 befragten Krankenhäusern bundesweit.
Stellenabbau - Abbau der Pflegequalität - Geringere Patientensicherheit
- Seit 1995 wurden knapp 50.000 Pflegestellen in bundesdeutschen Krankenhäusern abgebaut. Im gleichen Zeitraum wurden rund 20 Prozent mehr Klinikärzte beschäftigt.
- Heute müssen jährlich rund eine Million Patienten mehr in deutschen Kliniken medizinisch versorgt und pflegerisch betreut werden als noch 1995; jede Pflegekraft muss heute 23 Prozent mehr Patienten versorgen. Die individuelle Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit nimmt gleichzeitig zu. So steigt die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals immer weiter an.
- In 2006 wurden so viele Überstunden geleistet, dass nach Berechnungen des dip rund 5.000 Pflegekräfte hätten zusätzlich eingestellt werden müssen. Gleichzeitig wird aber der weitere Stellenabbau in der Pflege aufgrund des Kostendrucks erwartet. Auch hier verschärft sich also die Lage.
- Nach Einschätzung der befragten Pflegedirektionen wirkt sich die angespannte Personalsituation in der Krankenhauspflege bereits jetzt auf die Patientenversorgung und -sicherheit aus. So können Umlagerungen, Mobilisationen, Schmerzmittelverabreichungen und Überwachungen von operierten Patienten nicht mehr in jedem Krankenhaus optimal gewährleistet werden.
- In 20 Prozent der Krankenhäuser nehmen die Beschwerden von Patienten und Angehörigen über die Versorgung zu.
- 40 Prozent der Befragten rechnen nicht mit einer Verbesserung der pflegerischen Qualität der Patientenversorgung.
- 30 Prozent der befragten Pflegedirektionen konnten in den letzten beiden Jahren nicht mehr permanent eine ausreichende Pflege-Versorgung anbieten.
- Umgekehrt konnte auch nur gerade mal ein Drittel der befragten Einrichtungen erklären, die grundpflegerische Versorgung und eine regelmäßige Lagerung der Patienten gewährleistet zu haben.
- Nur ein Viertel der Einrichtungen gibt an, eine engmaschige Kontrolle von Patienten, etwa nach einem operativen Eingriff, ausnahmslos gewährleisten zu können. Anders: Dreiviertel der Befragten kann das nicht mehr.
- Als Folge der sinkenden Kontakthäufigkeit zwischen Krankenpflege-Personal und Patienten müssen in mehr als 75 Prozent der Einrichtungen unter Schmerzen leidene Patienten länger als 15 Minuten auf die notwendige Verabreichung von Schmerzmitteln warten.
Direktor warnt vor der Lebensgefahr nach Sparmaßnahmen
Prof. Dr. Frank Weidner, Leiter der Studie: „Wenn in jeder dritten Klinik die Mobilisation der Patienten, etwa nach einer Operation, häufig nicht mehr fachgerecht durchgeführt werden kann, dann ist das mehr als besorgniserregend. Die Rationierung der Pflege in deutschen Krankenhäusern ist in vollem Gange; die Folgen werden spürbar“. Lebensgefahr infolge der Sparmaßnahmen, erklärte Weidner gegenüber der Redaktion Report (SWR, Mainz), sei heute nicht mehr auszuschließen.
Nach Angaben der Kölner Pflegewissenschaftler wird auch in internationalen Studien auf den Zusammenhang einer schlechteren pflegerischen Versorgung und Folgen für die Patienten in Krankenhäusern hingewiesen. „Nun haben wir auch in Deutschland die ersten Belege für einen Zusammenhang von Pflegekapazität und Patientensicherheit. Wir sind in Sorge, dass Patienten ernsthaft gefährdet werden“, so Weidner.
Die Hintergründe für den Stellenabbau in der Pflege sind in der Umstellung der Finanzierungsgrundlagen für die Krankenhäuser und neuer Tarifsysteme zu sehen. Dies führt auch zum Absinken der Einstiegsgehälter des Pflegepersonals - auf Dauer wird es zur Überalterung der Belegschaft kommen.
Zugleich werde in den Krankenhäusern diskutiert, die Pflege solle künftig Teile ärztlicher Tätigkeiten in Prozesssteuerung, Beratung, Diagnostik und Therapie übernehmen. Wie das bei der beschriebenen steigenden Arbeitslast in der Pflege und dem weitergehenden Stellenabbau erreicht werden könne, sei „eine besondere Herausforderung“, erklärte Weidner.
Die Kölner Forscher fordern eine intensive Diskussion um die Patientensicherheit im Krankenhaus und den Beitrag der Pflege. Dazu müsse die Forschung dringend verstärkt werden.
Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) ist ein führendes Pflegeforschungsinstitut und Institut an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen. Das dip zeichnet verantwortlich für zahlreiche Projekte und Studien zur Entwicklung der Pflegebildung (Curricula-Entwicklung und -Umsetzung für die Aus-, Fort- und Weiterbildung), der Kranken-, Kinderkranken- und Alten-Pflege.
Kontakt:
Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) e. V.,
Dipl.-Pflegewissenschaftler Michael Isfort, stellv. Geschäftsführer,
Tel. 0221- 46861-30, m.isfort@dip.de
|