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Die
Anzahl übergewichtiger und adipöser Kinder ist in den letzten 20 Jahren
immens gestiegen, so das Ergebnis einer mehrjährigen Studie des
Robert-Koch-Institutes über die Verbreitung von Übergewicht und
Adipositas bei Kindern und Jugendlichen (KiGGS).
Wie kann diesen
besorgniserregenden Entwicklungen Einhalt geboten werden? Welche
Anforderungen muss die Politik dabei erfüllen? Über diese Fragen
diskutierten Wissenschaftler, Fachpolitiker und Verbraucherschützer
Anfang September auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Berlin.
Zu lange weggeschaut
1,9 Millionen Kinder in Deutschland leiden an Übergewicht, 800.000
davon sind adipös. Nicht nur Folgeerkrankungen wie Diabetes,
Bluthochdruck oder Gelenkbeschwerden schon in jungen Jahren, sondern
auch soziale Ausgrenzung und verminderte Leistungs- und
Konzentrationsfähigkeit sind keine Seltenheit. Übergewicht ist nicht
mehr nur ein individuelles Problem. Es betrifft die ganze Gesellschaft.
Und genau da liegt der Knackpunkt. „ Nicht nur Eltern, sondern auch
Ärzte, Lehrer, Erzieher, Werbe- und Lebensmittelindustrie haben zu
lange weggeschaut“, sagte Edmund Fröhlich, Geschäftsführer der medinet
Spessart-Klinik, die hauptsächlich übergewichtige Kinder versorgt.
Bewegungsmangel, häufiges Computerspielen und Fernsehen sowie falsche
Ernährung sind Gründe für Übergewicht und Fettsucht. Aber auch die
sozialen Verhältnisse, aus denen die Kinder stammen, spielen eine
Rolle. So sind Kinder mit Migrationshintergrund oder aus sozial
schwachen Familien besonders gefährdet zu erkranken.
Schule als Lebensraum
Viele Präventionsprojekte setzen in Schulen an. Elisabeth Müller-Heck
von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in
Berlin, betonte, dass Schulen heutzutage nicht nur Institutionen zur
Wissensvermittlung seien, sondern immer mehr zum Lebensraum für Kinder
würden. Dieser Lebensraum müsse demnach auch möglichst
gesundheitsfördernd gestaltet werden. Denn der Bildungsauftrag, so
Müller-Heck, umfasse auch den Auftrag, die Gesundheit der Kinder und
Jugendlichen zu fördern. Der Berliner Senat setzt in diesem Fall
darauf, Empfehlungen für die Ernährung an Ganztagsschulen und
Kindergärten auszusprechen. Verordnungen seien jedoch nicht zweckmäßig,
da deren Durchsetzung nicht kontrollierbar sei.
Dies sah der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Professor
Manfred James Müller kritisch. „Im schulischen Bereich ist die
Akzeptanz zur Prävention groß. In den Familien sieht es hingegen eher
schlecht aus.“ Müller, dessen Spezialgebiet die Prävention unter
Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse ist, sprach sich für einen
nationalen Aktionsplan aus, der zunächst einen Rahmen aufzeigt, was
getan werden kann und muss. Danach soll dann jeder nach seinen
Fähigkeiten zur Problemlösung beitragen.
Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel
Bemühungen der Politik, das Kennzeichnen von Lebensmitteln nach dem
Vorbild Englands einzuführen und somit mehr Transparenz für den Bürger
zu schaffen, scheiterten vorerst am Widerstand der
Lebensmittelindustrie. „Das Problem der Kennzeichnungspflicht wird
weiter diskuAtiert“, erklärte Mechthild Rawert,
SPD-Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit
sowie Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Sie sei ausdrücklich
dafür, ein solch plakatives System einzuführen. Auf diese Weise könne
man die Lebensmittelindustrie unter Druck setzen, „ehrliche“
Lebensmittel herzustellen, war sich Matthias Wolfschmidt,
stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation
Foodwatch, sicher.
Werbeverbot für Lebensmittel
Ein großes Thema auf dem Podium war das Engagement der Werbeindustrie.
Die Forderung an die Politik, Werbung für Lebensmittel am Nachmittag
gesetzlich zu verbieten, wurde von allen Teilnehmern unterstützt.
„Werbung für Lebensmittel, insbesondere für Süßigkeiten, hat im
Nachmittagsfernsehen nichts verloren“, forderte Matthias Wolfschmidt.
„Außerdem sollten Prominente nicht für Süßigkeiten werben.“
Aus medizinischer Sicht forderte Dr. med Susanne Wiesner, Leiterin der
Adipositas-Ambulanz der Berliner Charité, eine Anerkennung von
Adipositas als Krankheit. Der bürokratische Aufwand zur Beantragung
einer Therapie bei den Krankenkassen sei zu hoch, so Wiesner.
Zum Schluss waren sich alle Teilnehmer einig. Es mache keinen Sinn, den
„Schwarzen Peter“ irgendjemandem zuzuschieben. Die Gesellschaft müsse
sich mit dem Problem auseinandersetzen und gemeinsam mit der Politik
Lösungen finden.
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