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Interview mit Prof. Norbert Walter, Deutsche Bank
Research.
In der Periode, in der die Baby-Boomer in ihrer theoretisch höchsten
Sparphase waren, war in der Tat auch die Vermögens-Akkumulation ganz
besonders intensiv. Wenn die Baby-Boomer in ihre spätere Rentnerphase
kommen, wird die negative Sparquote auch besonders ausgeprägt sein.
Die Gesellschaft altert. Das Verhältnis von Beitragszahlern und
Beitragsempfängern wird sich in Deutschland dramatisch verschieben.
Kann das heutige Umlagesystem der Sozialkassen in Zukunft noch
funktionieren?
Nein. Das Umlageverfahren sorgt zu allem Überfluss dafür, dass
die Anreize, die man ansonsten in einer eher marktwirtschaftlich
organisierten und auf Selbstverantwortung aufbauenden Gesellschaft
mobilisieren könnte, nicht mobilisiert werden. Ich votiere für
einen Umstieg in Richtung Kapitaldeckungsverfahren. Gleichzeitig
plädiere ich dafür, dass man als Älterer
teilzeitbeschäftigt bleibt und dass man als Junger möglichst
früh ins Erwerbsleben eintritt, damit man auch mehr Geld für den
zeitgleichen Konsum hat.
Sind die bisher vom Staat eingeleiteten Maßnahmen, beispielsweise
die Ausweitung der Erwerbstätigkeit bis zum Alter von 67 Jahren
ausreichend?
Ab 2029! Das ist völlig unzureichend. Selbst wenn unsere heutigen
Prognosen für die steigende Lebenserwartung zutreffend wären,
unterschätzen wir die Wirkung der Alterung auf
Produktivitätsfortschritte völlig. Ich erwarte außerdem,
dass die Lebenserwartung noch stärker steigen wird - auch wegen der
Ergebnisse von Biotechnologie und Genomforschung.
Weiß die Bevölkerung um diese Entwicklung?
Wir haben ein Erkenntnisproblem, nicht nur ein Umsetzungsproblem! Die
Bevölkerung ist nicht genügend vorbereitet, und sie ist mit
Sicherheit nicht bereit, das, was möglicherweise bei einer
größeren Gruppe bereits als Erkenntnis vorliegt, in Handeln
umzusetzen.
Sorgen die Deutschen in ausreichendem Maße für ihre private
Altersvorsorge vor?
Nein, obwohl in keinem Feld die Debatte auch nur annähernd soweit
ist, wie im Feld der Altersvorsorge. Die ökonomische Bedeutung eines
anderen Bereichs ist mindestens so groß: die der Gesundheit. Dort
sind die Erkenntnisdefizite um Meilen größer, und dort sind die
politischen Entscheidungen weit hinter denen, die man bei der
Altersversorgung bereits getroffen hat. Was wir bei der Pflegversicherung
jetzt gemacht haben, ist die Einleitung der nächsten Katastrophe.
Die Menschen müssen mehr für Krankheitsfälle und den
Ruhestand zurücklegen. Heißt das, sie werden mehr sparen?
Die bisherige Politik bedeutet eine Nicht-Nutzung aller Anreize und die
Nutzung aller Negativ-Anreize, denn wir sorgen dafür, dass die
Arbeitskosten erhöht werden, wenn wir gemäß derzeitigem
System größere Teile unserer Einkommen für Gesundheit,
für Krankenversicherung ausgeben. Das geht nicht. Wir sollten
stattdessen mehr arbeiten und die erarbeiteten und ersparten Mittel
intelligenter verwenden als bisher. Wir müssen in Zukunft auch
über internationale Anlagen nachdenken. Wenn Sie beispielsweise in
Immobilien eines "sterbenden" Volkes investieren, dann haben Sie mit
Zitronen gehandelt.
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