Sonntag, 12. Oktober 2008
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Demografie: Wir haben ein Erkenntnisproblem, nicht nur ein Umsetzungsproblem

26.03.2008 Quelle: Christian Kutzner / Berlin-Institut   
Was halten Sie generell von der Asset-Meltdown-Hypothese, die besagt, dass die Menschen bis zum Alter von 50 Jahren viel sparen und dann langsam das angesparte Vermögen aufzehren? Und was geschieht, wenn viele Menschen gleichzeitig auf diese Idee kommen?

Eine solche Vorstellung ist idealtypisch und in der Empirie nicht zu finden. Es gäbe aber Methoden mit denen man das präzise machen könnte. "Umgekehrte Hypotheken" etwa, mit denen man sein Haus Schritt für Schritt versilbert, und dieses am Ende des Lebens automatisch der Firma gehört, die einem die regelmäßigen Zahlungen für das Haus gegeben hat. Sie beziehen dann sozusagen eine Rente von dieser Firma. Es ist interessant, dass die Menschen auch in Märkten, in denen es solche „reverse mortgages“ gibt, dieses Modell nicht annehmen - in den USA. Die Menschen haben eine komplexere Nutzenfunktion als die, die ich gerade idealtypisch beschrieben habe. Menschen wissen nicht, wann sie sterben. Wir können daher nicht so genau planen, wann wir keinen Besitz mehr haben sollten. Man könnte ja noch zehn Jahre länger leben und wäre dann auf Sozialhilfe angewiesen. Außerdem gibt es Menschen, die möchten etwas vererben. Es gibt Menschen, die wollen am Ende ihres Lebens gesellschaftlich relevante Aufgaben fördern. Nie wird so viel gestiftet und gespendet wie auf dem letzten Krankenbett. Wir Menschen sind nicht einfach nur individuelle Nutzenmaximierer. Am Ende bleibt in der Regel Vermögen übrig, und die Wahrscheinlichkeit, dass man sozusagen eine negative Ersparnis hat, die das Vermögen bis zum Ende des Lebens aufzehrt, ist eine Hypothese, die sich in der Wirklichkeit nicht beweist.

Denken sie nicht, dass die große Gruppe der Baby-Boomer durch ihren "kollektiven" Verkauf von Häusern, Aktien und anderer Anlageprodukte die Preise drücken wird?

Ich nehme an, dass die Richtung der Aussage vom Asset-Meltdown stimmt, aber dass ihre Radikalität übertrieben ist. Auch im Jahre 2030 wird in Europa die Summe der Finanzaktiva dem Wert nach immer noch wachsen. Die Akkumulation wird die Dekumulation derer, die davon leben, übersteigen.

Liegt das an den Schwellenländern?

Ja. Aber auch daran, dass wir zum Teil unsere Anlagen diversifizieren, also an deren Wachstum mehr teilhaben. Dennoch: Die hohe Rendite, die es in der Akkumulationsphase gab, werden wir nicht mehr erzielen.

Woran liegt das?

Irgendjemand muss ja die Mittel durch Arbeit und technischen Fortschritt verdienen. Wir haben in Deutschland aber künftig bei der Arbeit quantitativ eine kleinere Besetzung und qualitativ eine weniger gute Besetzung.

Kann das ausgeglichen werden durch den technischen Fortschritt?

Natürlich müssen wir uns besonders um technischen Fortschritt bemühen. Der ist jedoch abhängig von frisch ausgebildeten, professionellen Arbeitskräften. Dort, wo die Arbeitskräfte altern, wird auch der Kapitalstock alt. Diejenigen, die investieren können, wo sie wollen, tun dies, wo sie die Arbeitskraft möglichst modern ausgebildet finden - und das in großer Zahl.

Das heißt, sie sehen keine so rosige Zukunft für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Ohne besondere Anstrengungen an vielen Fronten und an Fronten, die den Deutschen derzeit ganz unwillkommen sind, nein. Ich denke hier an Einwanderung, an selektive Einwanderung, insbesondere aber nicht allein von qualifizierten Kräften. Wir müssen uns entweder um junge Ägypter und junge Türken bemühen - oder wir werden genau an dieser Stelle wenig Chance haben. Einwanderung kann man aber nicht ein- und ausschalten. Es gibt ja viele Deutsche, die meinen, Menschen in den anderen Ländern der Welt warten darauf, dass sie endlich hier hereingelassen werden und strömen dann in großer Zahl. Dies ist eine kindlich naive Vorstellung.

Hilft uns nicht die Qualifizierung im eigenen Land?

Weiterbildung ist ein wichtiger Punkt. Wir haben jetzt noch sehr viele qualifizierte Ingenieure, die man nicht mit 63 in Rente gehen lassen darf - die muss man bis 70 halten. Aber es macht keinen Sinn, wenn man denen nicht noch einmal mit 60 eine neue und gute Ausbildung gibt. Wir geben nichts für Weiterbildung von Älteren aus - das ist eine Katastrophe.

Woran liegt es, dass wir nicht so attraktiv für qualifizierte Zuwanderer sind?

Das liegt an der Sprache, an der Offenheit des Landes und an den Steuern. Wir bitten jeden, der hier herkommt, gleich voll zu partizipieren an unseren Rentenzahlungen. Das bedeutet für den Durchschnittsverdiener, der zu uns kommt, dass der immer gleich 50 Prozent von dem, was er verdient, dem deutschen System zur Verfügung stellt.

Und das ist im internationalen Vergleich viel?

Ja. Wir sind wegen der hohen Markteinkommensbelastung - nicht attraktiv. Ich erinnere mich an meinen vietnamesischen, in Amerika sozialisierten Co-managing Director von Deutsche Bank Research in Frankfurt: Das erste, was er zahlen musste, war der Solidaritätsbeitrag für die neuen Bundesländer. Was hat der Vietnamese, der in Amerika ausgebildet wurde, mit der Finanzierung der neuen Bundesländer zu tun?

Was können wir machen, um an die dringend erforderlichen qualifizierten Zuwanderer zu kommen?

Wir müssten die Trampelpfade, die es nach Deutschland gibt, nutzen. Ärzte, die zu uns kommen, sind oftmals Perser. Wir brauchen den Leuten in Persien nicht zu erklären, dass es offenkundig eine vernünftige Sache ist, in Deutschland Arzt zu werden. Wenn wir jetzt versuchen, Mediziner aus Indonesien zu bekommen - das wäre um vieles mühsamer. Die hätten kein Netzwerk, in das sie sich hier einklinken könnten. Wir sollten also erkennen, wo wir schon hoch geschätzt werden, etwa in Ägypten. Dort gibt es schon viele deutsche Schulen. Daran muss man weiter bauen.



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