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Seite 4 von 4 Was kann man außerdem noch machen, um das Erwerbspotenzial zu
steigern?
Mit fünf in die Schule, keine Ehrenrunden, also wirkliche
Patenschaften und Nachhilfe, Tutoren für die Begleitung von
denjenigen, die Schwäche zeigen, damit sie nicht hängen bleiben.
Zügige Beendigung von Studien, Wettbewerb und Studiengebühren,
damit wir keine Bummelei mehr haben.
Brauchen wir noch mehr Frauen im Erwerbsleben?
Wir sind ganz gut darin, junge Frauen zu beschäftigen. Wir sind aber
nicht gut in der Teilhabe der qualifizierten Mütter in Bezug auf
Stundenzahl, weil wir mit Krippen nichts am Hut haben, weil wir die anderen
Generationen für Betreuung nicht mit an Bord kriegen.
Was meinen Sie damit?
Großeltern könnten sich mehr um die Enkel kümmern - und
wir sollten Nannies akzeptieren lernen.
Kommende Generationen werden vielleicht in Zukunft höhere
Beiträge zu zahlen haben und mit einem riesigen Schuldenberg
konfrontiert sein. Wird das zu einer doppelten Belastung?
Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Die Erhöhung der Beiträge
wird in Grenzen bleiben, und sie wird in Grenzen bleiben müssen.
Würden wir Alten glauben, dass wir die Gesetzgebung entsprechend
ändern könnten, weil wir die politische Mehrheit haben,
würden uns die Jungen durch Auswanderung aus dem System die Rechnung
präsentieren. Mit anderen Worten: Es wird nur dann die Bereitschaft zu
einem etwas höheren Beitrag geben, wenn die älteren Herrschaften
ihrerseits einen sichtbaren Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Die
vierte Säule der Altersversorgung wird die Teilzeittätigkeit
sein. Und die Säule privater Altersvorsorge und betrieblicher
Altervorsorge wird größer werden.
Wie kommen wir in einer schrumpfenden Gesellschaft mit dem enormen
Staatsdefizit zurecht?
Die Debatte gibt es seit 1980, seit dem Hirtenwort der deutschen
Bischöfe. Dies war die erste Geißelung von Staatsschulden. Heute
ist es auch für Sozialdemokraten offenkundig vertretbar,
Staatsschulden zu problematisieren und als etwas zu formulieren, das
Generationengerechtigkeit dramatisch verletzt.
Wieso bauen wir die Schulden nicht so ab wie die USA in den
1990ern?
Schuldenabbau ist nicht das, was ich mir wünsche oder was ich
erwarte. Wir werden den Schuldenaufbau bremsen und am Ende überwinden
können. Ich nehme allerdings an, dass wir einen bestimmten
Schuldenstand absoluter Größe, wie wir ihn heute haben, kaum
unterschreiten. Jedoch vermute ich, dass die Zinsenlast darauf kleiner
wird. Die Zinsen werden langfristig sinken. Die USA der 1990er Jahre
besaßen einen doppelten Vorteil: Die Nachkriegs-Baby-Boomer waren
alle in der Steuerzahlperiode, und damals gab es hohe Steuereinnahmen auf
hohe Kapitalgewinne, die dann zu wunderbaren Steuereinnahmen unter Clinton
geführt haben. Reagan hatte die Gesetzgebung gemacht, Clinton hat die
Einnahmen eingefahren, wegen der schönen Kombination, die mit der
demografischen Entwicklung durchaus etwas zu tun hatte -
Kursgewinnsteigerungen bei vielen Vermögenswerten. Nicht nur bei
Aktien, sondern auch bei Immobilien.
Können sie uns abschließend noch einige
Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben - für die Gesellschaft,
die Bevölkerung, nicht so sehr für den Staat?
Die Bürgerlichen müssen endlich wieder zu dauerhaften
Partnerschaften fähig sein, damit sie Kinder bekommen können.
Wenn es irgendwie geht auch früher als in den letzten 20 Jahren. Wer
aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen erst mit 35 sein erstes Kind
bekommt, der wird nicht viele bekommen. Das ist aber nicht die Lösung
des Problems, über das wir die ganze Zeit gesprochen haben. Ein
solcher Schritt würde das Problem zwischen jetzt und dem Jahr 2030 nur
noch vergrößern, denn Kinder verursachen Kosten für die
Ausbildung und erfordern Betreuungszeit durch die junge Generation. Das
hieße, die Großeltern müssten noch länger arbeiten,
und wir müssten mehr Fremde ins Land bekommen, um die zusätzliche
Betreuungszeit der Eltern zu kompensieren. Wir müssten längere
Wochenarbeitszeiten akzeptieren, um die Betreuungszeit für die Kinder,
die wir zusätzlich haben wollen, zu leisten.
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Prof. Dr. rer. pol. Norbert Walter, geboren am 23.09.1944, ist
seit 1992 Geschäftsführer von Deutsche Bank Research und
Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe. Die Deutsche
Bank Research ist ein Forschungsinstitut mit Sitz in Frankfurt, das die
Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Finanzmärkten
untersucht.
Das Interview führte Christian Kutzner.
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