| Samstag, 30. August 2008 |
Gesundheit
Burn-out: Am Ende fühlte ich mich nur noch wie eine Maschine
Die gestiegenen Anforderungen an den Arztberuf in
Einklang zu bringen, ist für jeden Arzt eine große Herausforderung. Es kann ein
dauerhafter Leistungsdruck entstehen, der die Gefahr von Burn-out oder
Selbstausbeutung erhöht.
Work-Life-Balance notwenig
Um den
Erwartungen standzuhalten, ist eine gute Work-Life-Balance notwendig. Dazu
gehören ein gesundes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit, sich abzugrenzen und ein
sozialer Ausgleich durch Familie, Privatleben oder Hobbys. Fehlt ein
ausgewogenes Verhältnis, besteht die Gefahr, dass Ärzte ihre körperlichen und
seelischen Grenzen ignorieren und ausbrennen. Aufgrund dieser besonderen
Problematik und Fragestellung braucht es ein spezielles Behandlungskonzept für
an Burn-out leidende bzw. depressive Ärzte.
Fehlende Abgrenzung, Leistungs-, Zeit- und Verwaltungsdruck
Jutta Klein (Name geändert) ist seit drei Wochen
Patientin in der Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen. Noch heute fällt es
der 43-jährigen Internistin, die zuletzt in einer Intensivstation eines
städtischen Klinikums gearbeitet hat, schwer, über ihre Vorgeschichte zu
sprechen. „Ursprünglich arbeitete ich mit viel Begeisterung, mir fiel es
leicht, zwölf Stunden und mehr zu arbeiten. In den letzten Jahren konnte ich
mich aber kaum noch vom Leid abgrenzen. Hinzu kam der permanente
Leistungsdruck, Zeitdruck und Verwaltungsdruck. Am Ende fühlte ich mich nur
noch wie eine Maschine, die funktionieren muss, aber völlig leer gelaufen ist.
Selbst kleine Konflikte gingen mir viel zu nahe." Erste Symptome einer
körperlichen und seelischen Überforderung tauchten schon vor ungefähr fünf bis
sechs Jahren auf, sie nahmen stetig zu.
Nach Schätzungen leiden 25 Prozent an einem Burn-out-Syndrom
Leider gibt es bisher zu wenige fundierte Untersuchungen über das Ausmaß von Burn-out-Syndromen bei Ärzten. Schätzungen zufolge leiden etwa 25 Prozent an einem Burn-out-Syndrom, mindestens zwei Drittel sollen unzufrieden mit ihrem Beruf sein. Zum Burn-out kann es kommen, wenn der hohe Erwartungsdruck der Umwelt verinnerlicht wird.
Ärzte dürfen nicht krank sein
Typische Erwartungen sind: „Ärzte dürfen nicht krank sein" oder als „Helfer in der Not" müssen sie stets mit voller Aufmerksamkeit, Präsenz und hoher Fachkompetenz zur Verfügung stehen. Therapeuten sind vergleichbaren Ansprüchen ausgesetzt: Neben großer Beziehungskompetenz wird bei ihnen ein ausgefeiltes psychologisches Wissen vorausgesetzt. Das schließt die Fähigkeit zum Zuhören und einen mustergültigen Lebensentwurf ein, bei dem private Beziehungsprobleme nicht vorkommen.
Vernachlässigung der eigenen körperlichen und psychischen
Gesundheit
Viele Ärzte und Therapeuten möchten „zu gut sein" und
vernachlässigen darüber die eigene körperliche und psychische Gesundheit.
Eigene Erschöpfungszustände, angemessene Selbstfürsorge und ein Ausgleich zum
Beruf werden übergangen, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu wenig wahrgenommen.
Selbst wenn betroffene Ärzte dies entdecken, nehmen sie nur selten
professionelle Hilfe in Anspruch.
Mobbing: Auslöser für Burn-out und Depressionen
Akute Krisen stellen oft den Auslöser zum Zugang zur eigenen Hilfsbedürftigkeit dar. Durch übermäßigen Stress in der Arbeit können private Konfliktfelder aktualisiert werden, die ohne die hohen beruflichen Belastungen möglicherweise keine Behandlungsbedürftigkeit erfahren hätten. Am Arbeitsplatz stellt Mobbing eine große Gefahr für die Entstehung von Burn-out und Depressionen dar. Betroffene Ärzte neigen dazu, ihre Krise allein bewältigen zu wollen, nicht selten mit unangemessenen Methoden. So liegt beispielsweise der Substanzmittelmissbrauch je nach Untersuchung bei Angehörigen ärztlicher oder therapeutischer Berufe zwei bis fünf Mal über dem Durchschnitt der bundesdeutschen Bevölkerung.
Im Ausland liegen ausgefeilte Konzepte vor
Während im Ausland, und hier vor allem in Skandinavien, schon ausgefeilte Konzepte vorliegen und adäquate Ansprechpartner zur Verfügung stehen, herrscht in Deutschland Unterversorgung. Kassenärztliche Verbände stecken mit entsprechenden Angeboten noch in den Kinderschuhen. Erste Hilfe bieten zumindest Telefon-Hotlines, die Informationsangebote zum Burn-out-Syndrom bereitstellen und bei der Vermittlung von Therapeuten und Fachkliniken weiterhelfen. Spezialkliniken bieten ein spezifisches Behandlungsprogramm für Ärzte und Psychotherapeuten gegen emotionalen Burn- out und weitere berufsspezifische Störungen.
Abgrenzungsfähigkeit fördern, Motivation und Berufseinstellung fördern
Therapeutisch wird die kritische Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Motivation der Berufswahl gefördert. So ist es oft Erfolg versprechend, diese anfängliche Motivation als eigentliche Ressource für die Arbeit wiederzubeleben und geeignete Abgrenzungsstrategien zu erarbeiten. Als Hauptziele ergeben sich daraus, die Patienten für eine angemessene Abgrenzungsfähigkeit zu sensibilisieren sowie eine angemessene Motivation und Berufseinstellung jenseits gesellschaftlicher oder familiärer Ansprüche zu erarbeiten. Damit verbunden sind die Auseinandersetzung mit einer angemessenen Nähe- und Distanzregulation sowie die Entkopplung des Selbstwertgefühles von beruflichem Erfolg. Ziel ist die Wiederbelebung einer als sinnhaft empfundenen Arbeit im Einklang mit dem ursprünglichen Lebensentwurf.
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