Neue Kooperationsformen zwischen Krankenhäusern, Krankenkassen und Industrie werden an Bedeutung gewinnen, um innovative Verfahren der Medizintechnologie in das deutsche Gesundheitssystem einzuführen.

Darauf haben Experten des BVMed-Forums „Medizinische Unterversorgung in Deutschland - Scheindebatte oder Versorgungsalltag?“ am 30. November 2005 in Berlin hingewiesen.

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Hardy Müller, Leiter Versorgungsmanagement bei der Techniker Krankenkasse, verwies dabei auf das Modellvorhaben zur Einführung von medikament-freisetzenden Stents zur dauerhaften Offenhaltung von Herzgefäßen als Musterbeispiel für eine „partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Beteiligten“. Man benötige „innovative Lösungen für neue Versorgungsobjekte“, so der Kassenexperte.

In zwei Diskussionsrunden ging es vor rund 60 Teilnehmern aus allen Bereichen des Gesundheitswesens um ethische Aspekte der medizinischen Versorgung sowie um Wege aus dem Dilemma zwischen einer bestmöglichen medizinischen Versorgung und der Rationierung von Gesundheitsleistungen. Das neue Veranstaltungsformat „BVMed-Forum“ soll dazu beitragen, die öffentliche Diskussion über ein gesellschaftlich relevantes Thema anzustoßen bzw. weiterzuführen.

Rationierung medizinischer Leistungen finde nach Ansicht von Prof. Dr. Claus Carstens von der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg alleine dadurch statt, dass die Kliniken in ihrer Leistungsmenge begrenzt seien. „Dadurch baut sich eine Warteliste auf, die umso länger ist, je anerkannter und bekannter der Arzt ist.“ Durch die Mengenzuteilungen und Budgetrestriktionen werde der direkte Kontakt der Kliniken zu den Krankenkassen immer wichtiger, um die Einführung medizintechnologischer Innovationen zusätzlich zu vereinbaren.

Franz Knieps, Abteilungsleiter Gesundheitsversorgung im Bundesgesundheitsministerium, und Thomas Isenberg von der Verbraucherzentrale Bundesverband sprachen sich dabei für ein „solidarisch finanziertes Grundgerüst“ aus. Zur Grundversorgung müsse alles gehören, was medizinisch indiziert ist und durch einen vernünftigen rationalen ärztlichen Ansatz begründet werden kann. Innovative Medizintechnologien sollten zeitnah und ohne individuelle Tarife allen Patienten zugänglich gemacht werden. Die Industrieseite, unter anderem vertreten durch BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt, schlug dagegen zusätzliche und optionale Finanzierungsmodelle für innovative Therapien vor, so lange sie noch nicht in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen sind.

Einig waren sich alle Experten in der Forderung nach besserem Datenmaterial und besseren Versorgungsforschungsdaten. Verbraucherschützer Isenberg forderte eine Verbesserung der Transparenz über die Versorgungsqualität. Diese „verlässliche Qualitäts-Transparenz¬information“ könne von einem unabhängigen Institut wie dem IQWiG kommen. Sein Appell: „Wer die Marktkraft der Verbraucher entfesseln will, der muss mehr Transparenz über die Versorgungsqualität geben.“

Franz Knieps vom Bundesgesundheitsministerium erläuterte die gesundheitspolitischen Aktivitäten der neuen Bundesregierung. Der Gesetzentwurf zur Einsparung von rund 2 Milliarden Euro bei den Arzneimitteln solle bis 1. April 2006 in Kraft treten, werde aber Medizinprodukte nicht betreffen. Ziel der Regierung seien „weniger Krankenkassen, die dann aber die Versorgung organisieren und einkaufen können“. In Anlehnung an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhausbereich (InEK) kann sich das Ministerium die Gründung eines Honorierungsinstituts für ambulante Leistungen vorstellen. Die Spitzenverbände der Krankenkassen müssten sich laut Knieps erheblich wandeln, da die Entscheidungen bei den einzelnen Kassen getroffen werden.

Stephan von Bandemer vom Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen forderte die Politik auf, den Menschen deutlich zu machen, „dass Lebensqualität und Gesundheit mehr Geld kosten werden“. Vor dem Hintergrund der politischen Vorgabe der Beitragssatzstabilität müsse die Frage gestellt werden: „Warum sind 14 Prozent gesetzt?“. Man sollte mehr Ressourcen erschließen und „die Gesundheitswirtschaft aus dem Lohnnebenkosten-Image herausholen“.

In einer weiteren Podiumsdiskussion ging es um die Frage „Rationalisierung oder Rationierung - Wie ethisch ist unser Gesundheitssystem?“. Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt, Inhaber eines Lehrstuhls für Sozialpolitik an der Universität Köln, sprach sich für „eine unideologische, aber keine wertfreie Diskussion“ zu Über-, Fehl- und Unterversorgung aus. Ein moderner und evidenzbasierter Leistungskatalog müsse die Grundversorgung darstellen. Der Patient sei Partner im System, nicht Kunde. Sein Plädoyer: „Der Patient wird informierter, er wird geforderter, er hat mehr Freiheiten auf der Anbieterseite, aber das auf der Basis eines einheitlichen Versorgungskatalogs.“ Dem schloss sich Dr. Katrin Grüber, Leiterin des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft in Berlin, an. Es müsse in einer intensiven öffentlichen Diskussion geklärt werden, „was der Gesellschaft die Gesundheit wert ist“. Erst nach einer Wertedebatte könne man überlegen, welche Leistungen zurückgefahren werden könnten.

Die ärtzliche Seite war in der Diskussion vertreten durch Prof. Dr. Peter von Wichert, Stellvertretender Vorsitzender des AWMF, Prof. Dr. Franz-Xaver Kleber, Leiter Innere Medizin am Unfallkrankenhaus Berlin, und Prof. Dr. Michael-Jürgen Polonius, Präsident des Berufsverbands Deutscher Chirurgen und G-BA Vorsitzender für den Krankenhausbereich.

Prof. Wichert plädierte dafür, die medizinischen Leitlinien als Grundlage der Diskussion über Rationierung im System zu nehmen. Alle Leistungen, die indiziert und nachweisgestützt seien, müssten auch allen Patienten zur Verfügung stehen. Dabei sei die richtige Indikationsstellung von zentraler Bedeutung. Rationalisierung sei im System kaum noch möglich: „Die Krankenhauszitrone ist ausgepresst.“ Prof. Kleber hielt ein Plädoyer für die „nachgewiesene Medizin“, die dann auch die Grundversorgung darstellen solle. Er forderte auch, die Versorgungsforschung auf ein höheres Niveau zu heben und besser zu etablieren. „Dann kann man Innovationen auch schneller in das System einführen“. Um Rationierungen zu vermeiden, müsse nach Ansicht von Prof. Polonius „die Qualität in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt werden“.

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